landrichter im schnee

Lebenslust statt Winterfrust

 

Anderix und sein Freund Gerix  leben in einem kleinen Dorf in Noricum. Dieses Dorf ist von dichten Wäldern umgeben und ist der einzige Teil des Landes, der bis heute nicht von den römischen Erbsenzähler-Wattestäbchen-Felgenputzern erobert wurde. Die Einwohner des Dorfes haben aufgrund eines Zaubertrankes, der vom Druiden Gösserix gebraut wird, übermenschliche Kräfte ...  Und diese setzen sie natürlich ein. Sie veranstalten Wagenrennen auf ungepflasterten Straßen mit blankem Eis als Belag, so dass die Hufe der Pferde kaum Halt finden. Die Wagenlenker sind tapfer, aber vorgestrig und auch die verwendeten mehrspännigen Streitwägen sind nicht mehr wirklich taufrisch.

 

So, oder so ähnlich hätte ein Comic Band namens „Anderix der Waldviertler“ beginnen können … Aber auch 2050 nach Cäsar fand irgendwo in der nördlichen Hälfte Noricums eine Veranstaltung statt, die sich nicht der Gleichmäßigkeit verschrieben hatte, sondern die mit „moderaten“ Schnitten und „einfachen“ Orientierungsaufgaben versucht hatte, eines zu vermitteln: Freude am Wagenlenken und Spaß. Hier öffnet sich eine Blüte der richtigen Einstellung im tiefen Morast der Gleichgültigkeit …

 

Jetzt steigen wir vom Poetischen und Römischen wieder herunter in die Welt des 21. Jahrhunderts und können von einer wirklich wunderschönen Veranstaltung im südlichen Waldviertel berichten, die versucht neue Wege im historischen Rallyesport aufzuzeigen. Ein kleiner Kreis von (mehr oder weniger) handverlesenen Freunden trifft sich am Freitag Nachmittag in einem netten, guten und empfehlenswerten Wirtshaus in einem kleinen Dorf, dessen Name nicht verraten werden soll (wer ihn wissen will, soll mir eine E-Mail schreiben und erhält dann Auskunft). Zuerst gibt es einmal Futter und die technische, administrative und sonstige Abnahme beschränkt sich aufs Zählen der Reifen und Überprüfen der Sicherheitseinrichtungen. Aber auch da ist nicht viel zu tun – man kennt sich ja ohnehin. Bei der Fahrerbesprechung wird die – für unsere Breiten ungewohnte – Aufgabenstellung beschrieben. Die Nachtetappen (Start 22:00 Uhr) werden alle mit Roadbook (das man immer erst direkt beim Start erhält) gefahren. Vor lauter Blättern fahren manche (oder zumindest einer) schon 30 m nach dem Start in eine Sackgasse und befindet sich in der berühmten Germ (für nicht naturalisierte Brüder aus dem Land der Teutonen: Sauerteig). Die Straßen sind klein, eng, schlecht und vereist, so dass auf jede Form der Gleichmäßigkeitsprüfung verzichtet werden kann. Die Herausforderung ist – bei durchaus StVO-gerechten Schnitten -  nicht einmal das rechtzeitige, sondern überhaupt das Ankommen. So kann man auch ohne 1000-stel Reiterei zu einer gehörigen „Spreizung“ der Ergebnisse kommen. Der Einsatz von „genagelten“ Reifen war dringend empfohlen worden. Nach Mitternacht sitzen alle wieder in der gemütlichen Gaststube und lassen sich den Met gut schmecken. Keiner fragt, wievielter er geworden ist. Die alten (na ja – schon ein bisschen) Männer haben alle glänzende Augen und schwärmen  nicht von  ultragenau ausgelösten Lichtschranken, sondern von der puren Lust am Autofahren.

Niemand (sehr, sehr westliche Teilnehmer ausgenommen – aber ein paar Querulanten gibt es überall) bekrittelt einige Meter Abweichungen in der Kilometrierung oder ärgert sich über die nicht eingezeichnete Abzweigung  bei km 36,54. Jeder freut sich mit den anderen über die überstandene Strapaze. Ja, es gab Zeiten, lange vor der Eroberung durch die Erbsenzähler und im Kreisfahrer Fraktion, da war Rallyefahren noch mit Ausdauer und Herausforderung verbunden. Damals musste die Konzentration noch über ganze Nächte und manchmal zusätzlich auch Tage gehalten werden und Sand- und Schotterstraßen waren die Regel und nicht die Ausnahme.

 

Am nächsten Tag können alle einmal gemütlich frühstücken und zur christlichen Startzeit um 10:00 Uhr entlässt man uns wieder auf die kleinen Straßen der näheren und weiteren Umgebung. Nach einer Aufwach – Etappe mit Roadbook, werden die armen Beifahrer mit bunten Kartenkopien und roten Pfeilen auf die Gegend losgelassen. Verzweiflung, Unglauben und Verwirrtheit machen sich in den Autos breit. Jeder versucht seine eigene Methode. Die einen fahren möglichst geschwind los, um möglichst bald das frustrierende Erleben der nicht vorhandenen „stillen Wächter“ (oder Baumaffen – oder einfach Buchstaben) zu genießen und sich den Verstrickungen des wieder Zurückfindens hinzugeben. Die anderen beginnen methodisch–analytisch und parken sich einmal (möglichst behindernd) ein, um die feinen Hintergründe der Streckenführung zu ertüfteln. Dann verlieren auch diese – nach Einholen von einigen Stempeln (so genannte Selbststempler waren die zweite Methode der Routenkontrolle) – den Überblick und Plan. Etwas später treffen sich dann alle ca. 100 m vor „worlds end“ wieder. Bis zum Mittagessen gab es einzelne „gestandene“ Rallyefahrer, die die gesamte Runde bereits doppelt gefahren waren und dementsprechend Strafzeit ausgefasst hatten. Denn die Schnitte ließen keine Zeit zum Trödeln. Aber beim Mittagessen wurde wieder alles gut. Auch die Nachmittagsetappen verlangen Fahrer und Beifahrer alles ab. So sind schließlich alle froh wieder unser kleines norisches Dorf zu erreichen und dort nach Einnahme von größeren Mengen Truthahn mit einer kurzen aber exquisiten Siegerehrung erfreut zu werden. Der Sieger heißt …… und erhält einen Wanderpokal, der zweite eine Schneekugel und jetzt: Prost!

 

Zusammenfassend glaube ich, dass diese Art von Veranstaltung Zukunft hat. Bei aller hemdsärmeligen Jovialität war die Sache perfekt und akribisch organisiert und es gab (trotz eines sicherlich viel geringeren Potenzials an Helfern, als bei arrivierten Veranstaltungen) keine sichtbaren Pannen. (Fast) jeder Teilnehmer war glücklich und zufrieden und hat sich über die überstandenen Strapazen gefreut. Auch die “im Blazer Rotwein am Kamin schlürfende“ Fraktion von Oldtimer Freunden hat ihre Berechtigung und soll für alle, denen das Spaß macht, ihre staats- oder sonstig meisterlichen Veranstaltungen abhalten. Aber es muß und darf auch etwas anderes geben und – wie sagen die alten Römer:

 

SUUM CUIQUE - JEDEM DAS SEINE